Eine Krebsdiagnose verändert das Leben – für Betroffene ebenso wie für ihre Angehörigen. Der Alltag wird von Untersuchungen und Therapien bestimmt, Gespräche kreisen oft nur noch um die Erkrankung. Umso wichtiger sind Räume, die neue Perspektiven eröffnen, Begegnungen ermöglichen und Kraft schenken.
Genau hier setzt das Projekt Kraft*Quelle*Kunst an, das 2023 von der Neurochirurgin Minou Nadji-Ohl gemeinsam mit dem Kunstvermittler Andreas Pinczewski und der Staatsgalerie Stuttgart initiiert wurde. Ausgangspunkt sind aktuelle Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft, Neuroästhetik und Neuroplastizität: Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Auseinandersetzung mit Kunst nicht nur das Wohlbefinden stärkt, sondern auch Kreativität, Gedächtnis und kognitive Fähigkeiten fördern sowie Ängste reduzieren kann.
Im gemeinsamen Betrachten, Erleben und Gespräch entstehen neue Impulse – fernab von Klinik- und Therapiealltag. Kunst wird so zum Ausgangspunkt für Austausch, Teilhabe und neue Kraft.
Die transdisziplinären Führungen in unterschiedlichen Kunst- und Kulturstätten dauern jeweils 60 Minuten und widmen sich wechselnden übergeordneten Themenkomplexen. Nadji-Ohl und Pinczewski führen zu Beginn in das jeweilige Leitmotiv des Rundgangs ein und beleuchten dieses anschließend anhand ausgewählter Kunstwerke mit Erkenntnissen aus ihren Fachbereichen der Neuro- und Kunstwissenschaft. Die Perspektiven beider Disziplinen dienen dabei als Einladung zur unmittelbaren Auseinandersetzung und fördern den Dialog innerhalb der Gruppe.
Das Projekt Kraft*Quelle*Kunst von Nadji-Ohl und Pinczewski setzt diese Erkenntnisse seit drei Jahren im Rahmen nicht öffentlicher Führungen in die Praxis um.
Die transdisziplinären Führungen dauern jeweils 60 Minuten und widmen sich wechselnden übergeordneten Themenkomplexen. Die Neurochirurgin und der Kunstvermittler führen zu Beginn in das jeweilige Leitmotiv des Rundgangs ein und beleuchten dieses anschließend anhand ausgewählter Kunstwerke mit Erkenntnissen aus ihren Fachbereichen. Die Perspektiven beider Disziplinen dienen dabei als Einladung zur unmittelbaren Auseinandersetzung und fördern den Dialog innerhalb der Gruppe.
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Impressionen
Kunst*Kraft*Quelle: Der andere Blick
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bilder/die Themen aus?
Minou Nadji-Ohl: Die Themen werden nach Kriterien aus der Neuroästhetik und der Gestaltstheorie gewählt. Zu jedem Thema werden gemeinsam Bilder aus den Sammlungen der Staatsgalerie ausgesucht, in denen die entsprechenden Themen zu finden sind.
Andreas Pinczewski: Gestaltorientiert zu arbeiten, heißt, dass wir die semantischen oder ikonographischen Inhalte zunächst außen vor lassen, ebenso die ästhetischen, wie „schön“ oder „hässlich“, und stattdessen auf die rein visuell vorhandenen Fakten konzentrieren. Abstrakte Werke funktionieren in diesem Zusammenhang besser als darstellende und es führt zu oftmals überraschenden Ergebnissen, wenn erkannt wird, dass abstrakte und abbildende Werke gar nicht so weit voneinander entfernt sind als gedacht.
Ein weiteres Auswahlkriterium ist auch die örtliche Nähe im Museumsraum. Es sollte nach Möglichkeit ein sinnvoller Fluss entstehen.
Was kann die Kunst leisten, was kein Medikament kann?
Minou Nadji-Ohl: Für eine Weile die Sorgen und Ängste vergessen.
Andreas Pinczewski: Den Vergleich mit Medikamenten kann ich nicht anstellen, aber Kunst, bzw. das Betrachten und Analysieren von Kunst, erweitert den Horizont, schafft Sinn und Sinnzusammenhänge und schärft die Aufmerksamkeit, Konzentration und erleichtert auch außerhalb des Kunstkontexts mentale Transferleistungen in Gang zu setzen. Zudem kann sie das Ich im Raum kognitiv verorten.
Auf welche Bereiche hat das Projekt für die Teilnehmer:innen einen positiven Effekt?
Minou Nadji-Ohl: Durch die Beschäftigung mit Kunst werden Hirnregionen stimuliert welche zum Wohlbefinden beitragen. Der Stresslevel sinkt, Angst und Sorgen nehmen ab.
Die Betrachtung von Gemälden stimuliert nicht nur das visuelle System sondern auch andere Netzwerke wie zum Beispiel das Gedächtnis.
Da unsere Führungen immer auch von passenden Musikstücken begleitet werden, wird zudem die emotionalen Ebene angesprochen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass sowohl Patienten als auch ihre Angehörige oft infolge der Erkrankung in ihrem Alltag eingeschränkt sind. In Rahmen der geschützten Führungen, können sie wieder an einer öffentlichen Veranstaltung teilnehmen. Sie können wieder ein Stück „Normalität“ erfahren.
Artikel Stuttgarter Zeitung
Führungen für Krebspatienten in Stuttgarter Museen | stuttgarter-zeitung.de