Interview: Neuropsychologische Forschung bei Lymphomen des zentralen Nervensystems
Mit dem Clinical Scientist Programm fördert die Eva Mayr-Stihl Stiftung Ärzt:innen und Wissenschaftler:innen, die klinische Versorgung und Forschung miteinander verbinden. Durch geschützte Forschungszeit können sie wissenschaftliche Fragestellungen aus dem Versorgungsalltag gezielt bearbeiten und neue Erkenntnisse direkt in die Patientenversorgung einfließen lassen. Ziel des Programms ist es, die patientennahe Krebsforschung zu stärken und innovative Ansätze für Diagnostik und Therapie weiterzuentwickeln.
Im Rahmen unserer Interviewreihe stellen wir heute Dr. Dennis Gmehlin vor. Er berichtet, wie seine Forschung dazu beiträgt, neuropsychologische Folgen von ZNS-Lymphomen besser zu verstehen und die Diagnostik sowie Behandlung weiterzuentwickeln.
Was genau untersuchen Sie bei Patientinnen und Patienten mit ZNS-Lymphomen?
Wir untersuchen neuropsychologische Symptome als Folge der Erkrankung und erforschen deren Zusammenhänge mit der medizinischen Behandlung sowie der Lebensqualität der Betroffenen.
Was versteht man unter neuropsychologischen Symptomen – und wie können sie den Alltag der Betroffenen beeinflussen?
Im Mittelpunkt stehen vor allem kognitive Einbußen in den Bereichen Konzentration – einschließlich der geistigen Belastbarkeit –, Gedächtnis und Handlungsplanung (exekutive Funktionen). Sind mehrere dieser Bereiche betroffen, kann dies die Bewältigung des Alltags erheblich erschweren. Das zeigt sich beispielsweise beim Lesen, wenn aufgrund schneller Ermüdung die Konzentration nachlässt, beim Erinnern von Absprachen oder bei der Planung einer Geburtstagsfeier. Je nach Ausmaß der Einschränkungen und den individuellen Anforderungen kann die Funktionsfähigkeit reduziert sein. Berufliche und private Aufgaben lassen sich dann häufig nicht mehr oder nur noch eingeschränkt beziehungsweise mit Unterstützung bewältigen.
Sie nutzen beziehungsweise entwickeln eine speziell auf ZNS-Lymphome zugeschnittene neuropsychologische Testbatterie. Warum braucht es hierfür spezielle Verfahren?
Eine neuropsychologische Testbatterie umfasst mehrere wissenschaftlich validierte Verfahren zur Erfassung kognitiver Leistungen – unter anderem in den Bereichen Konzentration, Gedächtnis und exekutive Funktionen. Die Tests müssen nicht nur anerkannten wissenschaftlichen Gütekriterien entsprechen, sondern auch den jeweils unterschiedlichen Voraussetzungen der einzelnen Patient:innen mit ZNS-Lymphomen gerecht werden. Dabei spielen unter anderem das Ausmaß kognitiver Einschränkungen zu Beginn oder im Verlauf der Erkrankung, das Alter sowie weitere somatische oder neurologische Symptome eine Rolle.
Grundsätzlich ermöglichen umfangreichere Testbatterien eine differenziertere Beurteilung. Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, dass viele Patient:innen unter Erschöpfung leiden und längere Untersuchungen belastend sein können. Deshalb verfolgen wir das Ziel, flexible und adaptive Testbatterien einzusetzen, die trotz individueller Unterschiede vergleichbare Ergebnisse bei möglichst geringer Belastung ermöglichen.
Was können diese Tests sichtbar machen, was in einem normalen Arztgespräch möglicherweise unentdeckt bleibt?
Ausgeprägte kognitive Einschränkungen fallen erfahrenen Ärzt:innen häufig auf und werden zunehmend berücksichtigt. Deutlich schwieriger ist jedoch die genaue Zuordnung zu den einzelnen kognitiven Bereichen sowie deren objektive Einordnung unter Berücksichtigung des Alters oder des prämorbiden Leistungsniveaus vor Krankheitsbeginn. Auch Zusammenhänge mit anderen Krankheitssymptomen oder der psychischen Befindlichkeit lassen sich im Gespräch oft nur schwer beurteilen. Gerade im Krankheitsverlauf können deshalb subtilere Veränderungen unentdeckt bleiben und infolgedessen nicht berücksichtigt werden.
Welche Rolle spielt die Neuropsychologie heute bereits in der Behandlung – und wo sehen Sie noch Potenzial?
Dank deutlicher Fortschritte in der medizinischen Behandlung haben sich die Überlebensraten bei ZNS-Lymphomen in den vergangenen Jahren erheblich verbessert. Neuropsychologische Daten können helfen, Behandlungsoptionen auszuwählen oder anzupassen, um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten. Bleiben nach der Behandlung kognitive Einschränkungen bestehen, können (neuro)psychologische Therapien dazu beitragen, die Funktionsfähigkeit im Alltag und die Lebensqualität zu verbessern. Dennoch werden kognitive Einbußen im klinischen Alltag bislang noch nicht ausreichend erfasst. Entsprechend kommen auch geeignete therapeutische Angebote bislang zu selten zum Einsatz.
Worauf sind Sie in den vergangenen Monaten besonders stolz?
Auf einen vertieften Einblick in und ein besseres Verständnis für mein Forschungsgebiet.
Was macht das Clinical Scientist Programm für Ihre Arbeit konkret möglich, das vorher nicht oder nur schwer umsetzbar gewesen wäre?
Durch die 50-prozentige Freistellung ermöglicht mir das Clinical Scientist Programm geschützte Forschungszeit, in der ich mich verlässlich meinem Forschungsvorhaben widmen kann. Gerade für mich als Psychologen ist das in dieser Form außergewöhnlich. Darüber hinaus habe ich sehr vom interdisziplinären Austausch mit den anderen Teilnehmenden sowie vom Monitoring und der Unterstützung durch erfahrene Expert:innen profitiert.
Vervollständigen Sie bitte diesen Satz: „Ich forsche, weil …“
… ich die klinische Praxis der (neuro)psychologischen Diagnostik und Behandlung – insbesondere bei ZNS-Lymphomen – verbessern möchte.