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Zurück im Leben

Ein drei Zentimeter großer Tumor drohte den Unterkiefer von Amelie Hasert zu zerstören. In der Mund- Kiefer-Gesichtschirurgie des Klinikums wurde das Ameloblastom erfolgreich entfernt. Dank der großen medizinischen Expertise ist der 24-Jährigen heute, vier Jahre später, nichts mehr von der aufwendigen Behandlung anzusehen.

Herbst 2022: Sportlich und gesund zu leben, war Amelie Hasert schon vor ihrer Erkrankung wichtig. Deshalb ging die junge Frau kurz vor Beginn ihres Studiums noch mal zur Prophylaxe zum Zahnarzt. Dort wurde zur Kontrolle ihr Kiefer geröntgt. „Die Zahnärztin fragte mich danach, ob ich Beschwerden hätte, denn auf dem Röntgenbild war im linken Unterkiefer eine wolkige Struktur zu sehen“, erinnert sich die 24-Jährige, und dass sie beim Zähneputzen seit einigen Wochen einen leichten Druckschmerz gehabt hatte, dem sie aber keine Bedeutung zugemessen hatte. Zur weiteren Abklärung des Befundes empfahl die Zahnärztin den Besuch bei einem Kieferchirurgen. „Doch dann hat die Ärztin, als ich in meiner allerersten Vorlesung saß, gleich dreimal versucht, mich anzurufen. Sie hatte die Röntgenaufnahme dem Kieferchirurgen geschickt. Dieser hatte geraten, mich gleich in die Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie (MKG-Chirurgie) des Klinikums Stuttgart zu schicken.“

Eine erste dreidimensionale Übersichtsuntersuchung im Klinikum Stuttgart zeigte eine „seifenblasenartige“ Struktur im Unterkiefer von Amelie Hasert. „Es hieß damals, das kann eine Zyste oder auch ein Tumor sein“, erzählt die Studentin. Um die Diagnose zu sichern, wurde deshalb bei einer Biopsie eine Gewebeprobe entnommen und untersucht. „Bei Frau Hasert handelte es sich leider um ein drei Zentimeter großes Ameloblastom, einen seltenen, lokal aggressiv wachsenden Tumor“, sagt Prof. Benedicta Beck-Broichsitter, Ärztliche Direktorin der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Plastisch-ästhetische Operationen, Zentrum für Implantologie des Klinikums Stuttgart. Ein Ameloblastom entsteht aus zahnschmelzbildenden Zellen und tritt meist im Unterkiefer auf. Er wächst langsam, zerstört dabei Knochen und Gewebe. Amelie Hasert: „Als junger Mensch rechnet man mit so etwas nicht, ich habe überhaupt nicht realisiert was los war. Meine einzigen Fragen waren damals, wie lange ich nicht an die Uni gehen oder Sport machen kann.“

Das Ameloblastom ist ein seltener, lokal aggressiv wachsender Tumor des Kieferknochens, der aus zahnschmelzbildenden Zellen entsteht. Er tritt meist im Unterkiefer auf, wächst langsam und verursacht oft schmerzlose Schwellungen, die zur Deformierung des Kiefers und Zahnlockerungen führen. Behandelt wird der Tumor in der Regel durch eine radikale chirurgische Entfernung, damit es nicht zu Rezidiven kommt.

Individuelles Titanimplantat

„Die Behandlung eines Ameloblastoms erfolgt fast immer chirurgisch, da der Tumor lokal aggressiv in den Knochen einwächst und ohne vollständige Entfernung eine sehr hohe Rückfallquote hat“, sagt Prof. Beck-Broichsitter. Doch bevor die junge Frau operiert werden konnte, musste für sie ein individuell passendes Titanimplantat (patientenspezifisches Implantat) angefertigt werden, um den Kiefer nach der Tumorentfernung und der Rekonstruktion zu stabilisieren und möglichst die vorherige Form beizubehalten. „Vor der Operation wusste ich nicht, wie es anschließend mit dem Essen und Sprechen bei mir sein wird, das hat mir schon große Angst gemacht.“ Die Ärztliche Direktorin machte Amelie Hasert Mut: „Ich war sehr zuversichtlich, dass die Operation und Behandlung bei der Patientin einen guten Verlauf nehmen wird.“

Amelie schaut nachdenklich

"Die Erkrankung hat meinen Fokus auf das Leben noch mal völlig verändert."
Amelie Hasert

Knochentransplantat vom Wadenbein

Mitte Dezember wurde der jungen Frau aus dem Rems-Murr- Kreis schließlich in einer mehrstündigen Operation ein Stück des Unterkiefers samt Tumor entfernt. Mit dem am Computer am dreidimensionalen Schädelmodell modellierten Titanimplantat wurde die knöcherne Lücke überbrückt und der angrenzende gesunde Kiefer stabilisiert. Mit einem durchbluteten Knochentransplantat vom Wadenbein wurde der Unterkiefer direkt wieder aufgebaut und rekonstruiert. Um die Atemwege zu schützen, wurde bei der Operation auch ein Luftröhrenschnitt gemacht. „Die erste Zeit nach der Operation konnte ich nicht sprechen, durfte mich nicht bewegen und bin über eine Sonde ernährt worden“, erzählt die Studentin und fügt hinzu, dass sie auch ihre Zunge und Lippen nicht spüren konnte. „Ich habe mir ständig auf die Zunge gebissen und musste auch erst wieder mithilfe einer Logopädin lernen, artikuliert zu sprechen.“ Auch das Bein, aus dem ihr ein Stück Knochen und ein Nerv entnommen worden war, bereitet ihr immer wieder Schwierigkeiten. „Bis alles wieder halbwegs normal funktioniert hat, hat es Monate gedauert.“

Die Lebensqualität zurückbekommen

Amelie Haserts Anspruch an sich selbst war hoch. „Ich habe von mir erwartet, zu funktionieren.“ Sie studierte deshalb gleich nach der schweren Operation und dem Krankenhausaufenthalt weiter. Das schaffte sie nur, weil sie konstant Schmerzmittel einnahm. „Ich war damals sehr streng und nicht immer gut zu mir.“ Im Herbst 2023 stand dann die zweite Operation an. Dabei wurde das Implantat teilweise entfernt sowie Knochen und Biss noch mal korrigiert. Danach musste die Studentin sich endgültig eine Pause gönnen. „Jetzt brauchte mein Körper einfach Zeit, um wieder gesund zu werden.“ Die junge Frau lernte, ihr Lebensgestaltung an ihre Bedürfnisse anzupassen und das Thema Gesundheit ganzheitlicher zu sehen. Sie nahm ein Urlaubssemester, machte eine Reha und eine Psychotherapie, um ihre schwere Erkrankung zu verarbeiten. Und sie fing an langsam wieder, Sport zu treiben. „Ich habe mir aber keinen Druck mehr gemacht.“ Bevor sie aber wieder gesundheitlich und kräftemäßig an dem Punkt war wie vor ihrer Erkrankung und den Operationen, dauerte es nicht nur Monate, sondern Jahre. „Ich würde mir wünschen, dass viel mehr Menschen wüssten, wie toll es ist, wenn man endlich wieder genug Kraft hat, um ein aktives Leben führen zu können.“

Kieferkontrolle bei Prof. Beck-Broichsitter

Die Nachsorge bei einem Ameloblastom ist aufgrund der Neigung zu Rezidiven wichtig. Amelie Hasert geht deshalb regelmäßig zur Kontrolle bei Prof. Beck-Broichsitter.

Offener Umgang mit der Krankengeschichte

Amelie Hasert ist eine attraktive junge Frau. Von den großen Operationen im Gesicht und im Kiefer ist drei Jahre später nichts mehr zu sehen. „Dank der großartigen Leistung von Frau Prof. Beck-Broichsitter und ihrem Team habe ich meine Lebensqualität zurückbekommen. “Auch körperlich geht es ihr wieder gut. Sport, Selbstfürsorge, Achtsamkeit, Ernährung, alles was Körper und Seele guttut, war ihr schon vor ihrer Erkrankung wichtig. „Aber jetzt lebe ich auch so“, sagt die Studentin. So oft wie möglich geht sie laufen und macht funktionales Krafttraining. Auf Instagram tauscht sie sich mit ihren Followern zu Themen wie Achtsamkeit, Mindset und Alltagsliebe aus. Auch mit ihrer Krankheitsgeschichte geht sie offen um. „Ein Ameloblastom ist eine sehr seltene Erkrankung, doch über die sozialen Medien habe ich andere Betroffene kennengelernt. Wir tauschen uns aus, geben uns Tipps.“ Und sie betont noch mal: „Die Erkrankung hat meinen Fokus auf das Leben nochmal völlig verändert. Auch wenn ich äußerlich Gott sei Dank noch die Gleiche bin.“

AUF EINEN BLICK

Die Klinik für Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie, plastisch-ästhetische Operationen, Zentrum für Implantologie des Klinikums Stuttgart ist eine der größten deutschen außeruniversitären Fachkliniken. Die sichere Entfernung von Tumorerkrankungen der Gesichts- und Kieferregion und die ästhetisch und funktionell ansprechende Wiederherstellung der betroffenen Regionen mittels modernster Operationstechniken ist nur ein Behandlungsschwerpunkt der MKG-Chirurgie. Als maximalversorgende Klinik bildet sie das gesamte Behandlungsspektrum des Fachgebiets ab und ist regional auch die erste Ansprechpartnerin für die Behandlung von Patient:innen mit akutem Therapiebedarf nach Unfällen oder ausgedehnten Entzündungen, mit angeborenen Fehlbildungen und Fehlbissen, Erkrankungen des Kiefergelenks, aber auch für Zahnimplantate oder ästhetisch-plastische Eingriffe.
 

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