Experteninterview: Was Studien wirklich sagen – und was nicht
Als Biometriker wertet Alexander Stemke onkologische Daten aus dem klinischen Krebsregister statistisch aus. Er sorgt dafür, dass Ergebnisse korrekt interpretiert werden und belastbare Aussagen entstehen. Seine Homebase ist der Onkologischen Schwerpunkt Stuttgart (OSP), eine regionale gemeinnützige Institution, die sich für eine optimale Versorgung von Krebspatientinnen und -patienten einsetzt und registerbasierte Datenanalysen durchführt. Dadurch verbessert der OSP auch den Zugang zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ziel des OSP ist es, Forschung und Versorgung enger zusammenzubringen – damit Innovationen dort ankommen, wo sie gebraucht werden: bei den Menschen.
Herr Stemke, ständig erscheinen neue Studien mit vielversprechenden Ergebnissen. Gilt das automatisch für jede Patientin und jeden Patienten?
Nein, so einfach ist es leider nicht. Studien liefern wichtige Hinweise, aber sie sind keine individuellen Vorhersagen. Die entscheidende Frage ist immer: Passt das Ergebnis wirklich zu meiner persönlichen Situation? Studien untersuchen ganz gezielt ausgewählte Patientengruppen. Damit man überhaupt erkennen kann, ob eine Maßnahme wirkt, werden viele Faktoren bewusst ausgeschlossen – zum Beispiel bestimmte Vorerkrankungen oder seltene Tumorunterarten.
Das bedeutet: Die Studiengruppe ist oft homogener als die Realität. Und genau deshalb sind die Ergebnisse nicht automatisch auf alle übertragbar.
Was macht denn konkret den Unterschied zwischen Patientinnen und Patienten?
Da spielen viele Faktoren eine Rolle: Alter, allgemeiner Gesundheitszustand, Vorerkrankungen, der genaue Tumortyp oder auch bereits durchgeführte Behandlungen. Zwei Menschen können die gleiche Diagnose haben – und trotzdem ganz unterschiedlich auf eine Therapie reagieren.
Was sagen Studienergebnisse dann überhaupt aus?
Im Kern zeigen Studien Durchschnittswerte und statistische Schätzungen. Sie beschreiben, wie eine Gruppe insgesamt reagiert hat – nicht, was bei einer einzelnen Person passieren wird.
Sind Studienergebnisse Wahrheiten?
Nein. Studien liefern die bestmögliche Schätzung unter bestimmten Bedingungen. Sie sind ein wichtiger Baustein für evidenzbasierte Medizin, aber keine absolute Wahrheit.
Der Begriff fällt oft: ‚statistisch signifikant‘ – was heißt das genau?
Das bedeutet zunächst nur, dass ein Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zufällig entstanden ist. Aber: Signifikanz heißt nicht, dass eine Therapie bei allen wirkt oder automatisch einen großen Nutzen hat. Wie relevant ein Ergebnis ist, hängt auch von der tatsächlichen Effektgröße ab. Es spielen aber auch die Schwere der Erkrankung und Risiken der Behandlung und viele weitere Aspekte eine Rolle bei der Einschätzung der Relevanz.
In Studien wird oft von Vergleichsgruppen gesprochen. Warum sind die entscheidend?
Eine Vergleichsgruppe bekommt eine andere Behandlung oder Standardtherapie. Nur so kann man beurteilen, ob ein beobachteter Effekt wirklich auf die neue Maßnahme zurückzuführen ist – oder ob andere Faktoren eine Rolle spielen.
Und was bedeutet ‚randomisierte Studie?
Dabei werden Teilnehmende per Zufall auf verschiedene Gruppen verteilt. Das ist eine der wichtigsten Methoden, um Verzerrungen zu reduzieren und vergleichbare Ausgangsbedingungen zu schaffen.
Viele Ergebnisse klingen beeindruckend. Wie kann man sie besser einordnen?
Ein häufiger Stolperstein sind relative Zahlen. Wenn ein Risiko von 10 % auf 8 % sinkt, entspricht das einer relativen Reduktion von 20 % – klingt viel. Tatsächlich sind es aber nur 2 Prozentpunkte Unterschied. Deshalb ist es wichtig, immer auch die absoluten Zahlen anzuschauen.
„Medianes Überleben“ – auch dieser Begriff taucht oft auf. Was steckt dahinter?
Das mediane Überleben beschreibt den Zeitpunkt, zu dem noch 50 % der Studienteilnehmenden leben. Es ist ein Gruppenwert – keine Vorhersage für einzelne Personen. Und genau das ist noch einmal wichtig zu betonen.
Woran erkenne ich eine gute Studie? Gibt es Kriterien, an denen man sich orientieren kann?
Ja, einige wichtige Fragen sind: Wie viele Personen haben teilgenommen? Gab es eine Vergleichsgruppe? Wie lange wurde beobachtet? Wer hat die Studie durchgeführt? Wurden Standards nicht nur bei der Studie, sondern auch bei der Publikation eingehalten und Interessenkonflikte offengelegt?
Und ganz wichtig: Sind die Ergebnisse transparent und nachvollziehbar dargestellt?
Ist es möglich, selbst Teil einer klinischen Studie zu werden?
Ja, grundsätzlich schon. Allerdings hat jede Studie klare Ein- und Ausschlusskriterien. Der beste Weg ist, das aktiv mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt zu besprechen. In Stuttgart unterstützt auch der Onkologische Schwerpunkt dabei, passende Studien zu finden. Dafür bietet er auf seiner Homepage eine filterbare Datenbank aller klinischen und Registerstudien an, die an den OSP-Mitgliedskrankenhäusern angeboten werden.
Viele Informationen kursieren auf Instagram & Co. – wie kann ich einschätzen, ob eine Studie seriös ist?
Eine gute erste Frage ist: Wird die Studie überhaupt konkret benannt und verlinkt, ist sie registriert, kann ich die Ergebnisse einsehen? Dann lohnt sich ein genauer Blick: Wer wurde untersucht? Was war der primäre Endpunkt? Gab es eine Vergleichsgruppe? Wie groß war der Effekt wirklich – und welche Nebenwirkungen traten auf?
Eine hilfreiche Schutzfrage ist:
Sehe ich echte Zahlen und einen fairen Vergleich – oder nur eine beeindruckende Behauptung?
Drei Leitsätze: Was sollten Patientinnen und Patienten aus all dem mitnehmen?
- Ergebnisse gelten für Gruppen, nicht automatisch für Einzelpersonen.
- Zahlen brauchen immer Kontext.
- Entscheidungen sollten nie allein auf Basis von Studien getroffen werden, sondern immer im Gespräch mit dem Behandlungsteam.
Studien liefern wertvolle Orientierung. Aber der eigene Weg bleibt immer individuell.
Hier geht es zum Onkologischen Schwerpunkt Stuttgart e.V. Hier geht es zur Studienzentrale des Stuttgart Cancer Center