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Förderpreis der DGGPP

Förderpreis der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. erhalten

Am Patientenbett unterhält sich ein Patient mit einer Pflegefachkraft. Was haben Sie denn für Hobbys? Haben Sie einen Urlaub geplant? Wo sind Sie früher zur Schule gegangen? Die Pflegefachkraft des Delirpräventionsteams schreibt fleißig mit. In wenigen Tagen, nachdem der Patient operiert wurde, wird die Pflegerin auf diese Informationen zurückgreifen. Sie wird beim Patienten sein, wenn er aus der Narkose erwacht. In der sogenannten Delirbox hat die Pflegefachkraft des Delirpräventionsteams alles dabei, was der Patient zur Orientierung braucht: die Brille, das Hörgerät etc. Aber noch wichtiger: Der Patient hört sofort eine vertraute Stimme. Das gibt Sicherheit.

Denn die Angst vor einer Operation ist bei vielen Menschen groß. Gerade ältere Menschen befürchten, nach der Narkose „verwirrt“ zu sein oder an Selbständigkeit einzubüßen. In der Fachsprache ist in diesen Fällen die Rede von einem sogenannten Delir. Dabei handelt es sich um eine Gehirnfunktionsstörung, gekennzeichnet durch verminderte Konzentrationsfähigkeit, Schläfrigkeit, Desorientierung und Vergesslichkeit bis hin zu Halluzination. „Das Delir als medizinische und pflegerische Herausforderung kommt vor allem bei älteren Menschen vor, verursacht durch Operationen, Schmerzen oder Umgebungswechsel. Auch die Neben- oder Wechselwirkungen von Medikamenten können bei älteren Menschen ein Delir auslösen“, weiß Juliane Spank. Sie leitet das Delirpräventionsprogramm am Klinikum Stuttgart.

Etwa 20 Millionen Menschen werden in Deutschland jährlich im Krankenhaus stationär behandelt. Fast die Hälfte der stationären Patienten ist mindestens 65 Jahre alt. Die Wahrscheinlichkeit, im Krankenhaus ein Delir zu entwickeln, liegt nach Studien bei den über 65-Jährigen nach einer OP bei 30 bis 50 Prozent, auf einer Intensivstation sogar bei 70 bis 87 Prozent.

Nach einer Pilotphase zur Evaluation (Pawel-Studie) im vergangenen Jahr hat das Klinikum Stuttgart im Mai 2019 die Delirprävention in die Regelversorgung übernommen. Speziell geschulte Pflegefachkräfte identifizieren Delir gefährdete Patienten häufig schon vor der Aufnahme und verordnen individuelle Interventionen zur Delirvermeidung wie Besuche, gemeinsames Spielen, Bewegung oder Mahlzeitenbegleitung. Unterstützt werden sie von geschulten Betreuungsassistenten. Sie nehmen sich in den Tagen nach der Operation viel Zeit für die Patienten und gehen dabei auf deren Interessen ein. Immer im Vordergrund: Den Patienten Sicherheit geben, damit sie schnell wieder in den Alltag zurückfinden. Dafür hängen die Betreuungsassistenten in den Patientenzimmern auch spezielle, große Kalender und besonders gut lesbare Uhren auf. Durch diese Maßnahmen kann das Risiko für ein Delir um 30 Prozent reduziert werden.

Für den großen Einsatz des Klinikums Stuttgart gegen Demenz, Delir und Depression, auch die „drei D’s“ der Altersmedizin genannt, wurde die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere am Klinikum Stuttgart im Mai mit dem „Förderpreis zur Optimierung der Pflege psychisch kranker alter Menschen“ (FOPPAM) ausgezeichnet. Dieser Preis wird alle zwei Jahre von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. (DGGPP) verliehen. „Wir wollen die Versorgung älterer Menschen in der gesamten Region verbessern“, so PD Dr. Christine Thomas, Ärztliche Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie für Ältere am Klinikum Stuttgart.

Delir: Vermeidung und Maßnahmen

Das Delirrisiko steigt …

  • mit dem Alter des Patienten
  • mit der Dauer der Narkose
  • wenn Vorerkrankungen bestehen
  • durch die regelmäßige Einnahme von Arzneimitteln
  • wenn es in der Vergangenheit zu einem Delir kam
  • wenn Patienten große Angst vor der Operation haben
  • Patienten einsam sind und wenige Kontakte haben

Was Patienten / Angehörige tun können, um ein Delir zu vermeiden:

  • das Leben auch im Alter aktiv gestalten mit Bewegung, engen Sozialkontakten, gesunder Ernährung
  • Informationen zur Person und Biographie dem  Pflegepersonal bereitstellen, z. B. auch zum  Lieblingsessen und Getränken
  • persönliche Gegenstände, wie z. B. Familienfoto ins  Krankenhaus mitbringen
  • dafür sorgen, dass die Brille / Hörgeräte / Zahnprothesen im Krankenhaus sind
  • Gespräche vor und nach der Operation
  • nach der Operation schnell Orientierung geben, bspw. durch Uhr und Kalender
  • nach der Operation möglichst rasch die Gehirntätigkeit anregen: rätseln, lesen, sprechen
  • sobald es möglich ist, sich aktiv beteiligen, bewegen und spazieren gehen
  • auf Selbständigkeit, wo möglich, bestehen und gleichzeitig Unterstützung, wo nötig, annehmen

Maßnahmen im Klinikum Stuttgart gegen Delir:

  • frühe Identifizierung von Risikopatienten
  • gegebenenfalls Umstellen der Medikation
  • Vorgespräche mit dem Patienten
  • Delirbox mit allen wichtigen persönlichen Gegenständen wie Brille und Hörgerät
  • vertraute Person ist beim Aufwachen aus der OP dabei
  • schnelle und regelmäßige Aktivierung nach der OP (Gespräche, Spiele, Bewegung etc.)