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Klinik für Spezielle Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie

Wissenschaft und Lehre

Mikroskop mit Objektträger

Forschung

Der Ärztliche Direktor vertritt klinisch und wissenschaftlich eine phänomenologisch-psychopathologische Forschungsrichtung. Phänomenologische Forschung ist qualitative Einzelfallforschung, die ihren Ursprung beim einzelnen Patienten hat, diagnostisch und therapeutisch dahin zurückwirkt und durch die klinische Praxis validiert wird.

Unter Zuhilfenahme phänomenologischer Methoden, die vor allem das Erleben des Kranken fokussieren, wird nach psychopathologischen Gesetzmäßigkeiten psychischer Erkrankungen gesucht, die zur Ausgangsbasis sowohl für Diagnostik und Therapie als auch für weiterführende quantitative oder neurobiologische Untersuchungen werden.

Phänomenologie ist keine bestimmte Lehre, sondern beschreibt eine charakteristische Einstellung und Methode. Bei aller Heterogenität der Ansätze ist die im Begriff der Phänomenologie angelegte Polarität von vorgestelltem Gegenstand und vorstellendem Bewusstsein das Verbindende. Entsprechend dieser Polarität finden sich auf der einen Seite deskriptive Ansätze, die sich am Gegenstand orientieren, auf der anderen Seite hermeneutische Ansätze, die die Konstitutionsleitungen des Bewusstseins untersuche

Differenzierte Symptom-Erfassung

Deskriptive Ansätze zielen auf eine möglichst differenzierte Erfassung und Beschreibung von Symptomen. Ausgehend von der deskriptiven Philosophie Husserl‘ s haben diese Ansätze besonders durch Karl Jaspers und Kurt Schneider Bedeutung in der Psychiatrie erlangt. Die Erstrangsymptome Schneiders behaupten sich unangefochten bis heute in der Diagnostik der Schizophrenie. Huber und Klosterkötter haben die Genese der Symptome in Übergangsreihen in die Anfänge der Erkrankung zurückverfolgt und die Grundlage für die Frühdiagnostik psychotischer Störungen aus dem Erleben der Patienten geschaffen. Parnas folgt diesem Ansatz aktuell in seiner Suche nach der spezifischen Abwandlung des Selbsterlebens bei der beginnenden Schizophrenie. Hervorgehend aus der phänomenologischen Untersuchung der Symptome gewinnen entwicklungspsychopathologische Ansätze zunehmend an Bedeutung bei der Frühdiagnostik und Frühbehandlung psychischer Störungen überhaupt.

Störung und Person bilden eine Gestalt

Hermeneutik orientiert sich an der Idee der Ganzheit, dass die Person und ihre psychische Störung eine sinnhafte Gestalt bilden. Psychische Symptome entstehen in engem Zusammenhang mit der individuellen Lebensgeschichte und der sozialen Situation des Menschen. Im Gestaltkreis sind Symptom und Leben miteinander verbunden. Symptome können daher nur in diesem wechselseitigen Zusammenhang gesehen und verstanden werden.

Hermeneutisches Verstehen bedient sich dabei vor allem auch philosophischer Konzepte. Diese Konzepte bilden unter anderem die Grundlage für die Auseinandersetzung mit den Themen Leib, Zeit- und Raumerleben bei der Melancholie und der Schizophrenie, der Interpersonalität, der Identität und der sozialen Rolle oder dem Sinnverstehen bei den Psychosen.

Spezifische Kernsymptome

Die phänomenologische Forschung zielt daher auf die deskriptiv-hermeneutische Freilegung psychopathologischer Grundstrukturen z.B. durch die Erarbeitung spezifischer Kernsyndrome, Krankheitstypen, interpersoneller Gestalten, Begriffsklärungen, usw. Der Frage nach dem Verstehen von Symptomen im Zusammenhang mit Lebensgeschichte, Familie, sozialer Situation und letztlich auch Transzendenz muss immer wieder nachgegangen werden. Innovative Weiterentwicklungen der Phänomenologie sind an den Schnittstellen zu erwarten, wenn sie sich mit psychopharmakologischen, psychotherapeutischen, soziotherapeutischen, anthropologischen, künstlerischen oder theologischen Ansätzen verbindet.

Allgemeine Literatur

  • Baeyer W v (1955) Der Begriff der Begegnung in der Psychiatrie. Nervenarzt 26: 369-376
  • Blankenburg W (1980) Anthropologisch orientierte Psychiatrie. In: Peters UH (Hrsg.) Psychologie des 20. Jahrhunderts. Band X. Kindler, Zürich, S.182-197
  • Blankenburg W (1991) Phänomenologie als Grundlagendisziplin der Psychiatrie. Fundamenta Psychiatrica 5: 92-101
  • Bürgy M (2008) Phenomenological Investigation of Despair in Depression. Psychopathology 41: 147-156
  • Bürgy M (2009) Zur Geschichte und Phänomenologie des Psychose-Begriffs. Eine Heidelberger Perspektive (1913-2008). Nervenarzt 80: 584-592
  • Gadamer HG (1993) Über die Verborgenheit der Gesundheit. Suhrkamp, Frankfurt
  • Gebsattel VE v (1955) Prolegomena einer medizinischen Anthropologie. Springer, Berlin
  • Jaspers K (1959) Allgemeine Psychopathologie. 7. Auflage. Springer, Berlin
  • Kraus A (1999) Phänomenologisch-anthropologische Psychiatrie. In: Helmchen H, Henn F, Lauter H, Sartorius N (Hrsg.) Psychiatrie der Gegenwart. 4. Auflage, Band 1. Springer, Berlin, S. 577-603
  • Lang H (1998) Die Sprache und das Unbewußte. 3. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt
  • Schmidt- Degenhard M (1997) Zur Standortbestimmung einer anthropologischen Psychiatrie. Fortschritte Neurologie Psychiatrie 65: 473-480
  • Schmidt- Degenhard M (2011) Anthropologische Aspekte psychiatrischer Erkrankungen. In: Möller HJ, Laux G, Kapfhammer HP (Hrsg.) Psychiatrie und Psychotherapie. 4. Auflage. Springer, Berlin, S. 383-396

 

 

Studien

Die Klinik beteiligt sich aktuell an folgenden medizinisch-wissenschaftlichen Studien:

  • Studienzentrum des DFG Forschungsprojekts „Internet-delivered intervention strategy for recurrent depression: Towards individualized disease management“, Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg, Forschungsstelle für Psychotherapie. Studienleitung: Dr. Hans Kordy
  • Partizipation am Forschungsprojekt „Psychopathologie, neuropsychologische und neuronale Korrelate von Wahnsymptomen“, Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg, Klinik für Allgemeine Psychiatrie. Studienleitung: PD Dr. Dipl.-Psych. Klaus Kronmüller
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