Wenn der Schmerz das Leben bestimmt

Mindestens acht Prozent der Menschen in Deutschland werden ständig von Schmerzen geplagt. Bezogen auf die Bevölkerung in Stuttgart heißt das: Von den 570.000 Einwohner der Landeshauptstadt leiden mehr als 45.000 unter chronischen Schmerzen.
„Die Ursache, der Auslöser der Schmerzen ist bei den Patienten oft nicht mehr erkennbar und so haben viele eine Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich“, berichtet Oberarzt Dr. Stefan Junger. Seit sieben Jahren arbeitet der Schmerztherapeut im Katharinenhospital und hat seitdem zusammen mit seinen Kolleginnen und Kollegen die konsequente Therapie akuter Schmerzen und die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen organisiert und ausgebaut.
„Nach einer Operation ist es heute Standard, dass im Rahmen der postoperativen Schmerztherapie alles getan wird, um den Patienten eine möglichst schmerzarme Erholung zu ermöglichen“, erläutert Prof. Dr. Andreas Walther, Ärztlicher Direktor der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin. „In der qualifizierten Therapie chronischer Schmerzen besteht dagegen noch erheblicher Handlungsbedarf.“ Denn die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen ist aufwändig. „Chronische Schmerzen haben oft kein rein körperliches Korrelat, biologisch sind sie zumeist nicht begründbar“, erläutert Dr. Junger. Das macht eine Behandlung so schwierig. Die eigentliche Funktion von Schmerz, nämlich die Warn- und Schutzfunktion des Körpers, ist beim chronischen Schmerz aufgehoben. „Bei Patienten mit starken chronischen Schmerzen bestimmt der Schmerz den Alltag auf allen Ebenen. Manche verkriechen sich, nehmen kaum noch am Leben teil, werden reaktiv depressiv.“
Erstgespräch dauert zwei Stunden
Das Erstgespräch für die Behandlung eines Patienten mit chronischen Schmerzen dauert daher meist bis zu zwei Stunden. Neben der körperlichen Untersuchung wird ein umfangreicher Fragenkatalog mit dem Patienten abgearbeitet mit dem Ziel, Informationen über die Lebenssituation, das berufliche und persönliche Umfeld sowie die Einschränkungen durch die Schmerzen zusammenzutragen. Die Untersuchungsergebnisse aus anderen medizinischen Fachdisziplinen werden ebenso berücksichtigt. „Je mehr Informationen zur Verfügung stehen, desto effektiver können wir gemeinsam mit dem Patienten eine individuelle Behandlungsstrategie erarbeiten, die auch mögliche Begleiterkrankungen berücksichtigt“, erklärt Dr. Junger.
Die Behandlung ist dann immer eine Kombination verschiedener Verfahren. „Dabei ist es wichtig, eine optimale Wirkung bei möglichst wenigen Nebenwirkungen zu erzielen, um die Schmerzreduktion nicht mit anderen Einschränkungen zu erkaufen.“ Oft zählen Entspannungstechniken zum Programm und in aller Regel auch eine psychotherapeutische Behandlung. „Die Patienten müssen lernen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und nach vorn zu schauen.“ Die begleitende Behandlung durch verhaltenstherapeutisch orientierte Psychologen ist für die Patienten deshalb oft sehr hilfreich, aber zumeist leider nur schwer verfügbar.
Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin (KH)
Ärztlicher Direktor
Prof. Dr. Andreas Walther
Schmerzambulanz
Oberarzt Dr. Stefan Junger
E.Mail: s.junger@klinikum-stuttgart.de
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